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Als Bundeswehrärztin in Afghanistan

November 1, 2009

Die Zeit hat mit Heike Groos, einer Bundeswehrärztin, die mehrmals in Afghanistan war, ein Interview geführt.

In diesem Interview erzählt sie von Dingen, die mir absolut fremd sind; ich war noch nie im Mittleren Osten, habe noch nie ein Kriegsgebiet besucht. Geschweige denn habe ich Menschen anders sterben sehen als an natürlichen Ursachen. Und selbst da bin ich immer rausgeschickt, abgelenkt worden.

Das Verhältnis zwischen Afghanen und Deutschen habe sich verändert, sagt sie. Ich habe mich mit diesem Krieg, diesem Konflikt (wie auch immer die politisch korrekte Bezeichnung lauten mag) zu wenig beschäftigt, um sagen zu können, dass ich mich auskenne. Vielleicht bin ich zu jung dazu, mehr als nur einen groben Überblick zu haben, vielleicht kommt verstärkend hinzu, dass Afghanistan nun mal ein Stückchen weit weg ist.

In diesem Blogeintrag soll es auch nicht um den politischen Hintergrund mit seinen Irrungen und Wirrungen gehen, sondern viel mehr um das, was Heike Groos sagt:

    ZEITmagazin: Dachten Sie manchmal: Ich kuriere jemanden, der hinterher seine Waffe auf mich richtet?
    Groos: Nein, nein, nein! Man kann sich auf sein Gefühl verlassen und darauf, dass es noch Menschlichkeit gibt. […]

Dieses „Gefühl“, von dem Groos spricht, spiegelt meiner Meinung nach den Normalfall wider; da ist etwas, das sie „Menschlichkeit“ nennt. Man achtet aufeinander, hilft dem Verletzten, auch wenn er ein vermeintlicher Feind ist. In solchen Momenten zählt nur das Mensch-sein, nicht der große Kontext, der Krieg, in dem man sich befindet.

    ZEITmagazin: Wer interessiert sich an der Front für die politischen Ziele?
    Groos: Kein Mensch. Man fragt sich nur ein Mal: Warum sind wir hier? Dann lässt man es. Man hält den Gedanken nicht aus, dass es sinnlos sein könnte oder dumm oder falsch. Man hat ja geschworen! Das kann man nicht kündigen.

    ZEITmagazin: Desertieren kam nicht infrage?
    Groos: Nie. Ich hatte diese Loyalität, das Vertrauen in die Führung, dass es nicht anders geht. Das weicht erst sehr spät auf, dazu braucht es viel. Es ist wie bei Kindesmisshandlung: Eltern müssen einem Kind schon sehr viel antun, damit es sie nicht mehr liebt. Warum ich das gemacht habe, war nie die Frage. Es war mein Eid. Nicht einmal meine Kinder haben es infrage gestellt. Man ist Soldat, das gehört dazu.

    Groos: […] man macht ein Testament, man regelt alles. Wer kriegt die Kinder, wenn man tot ist? Was ist, wenn man behindert zurückkommt?
    ZEITmagazin: Man hält sich nicht für unverwundbar?
    Groos: Nachdem man das geregelt hat, schon. Ohne das wäre man handlungsunfähig.

Der Moment, in dem man sich auf die Frage, wieso man da ist, keine Antwort mehr geben kann – oder vielmehr nicht geben will – ist wohl der spätestmögliche, in dem einen bewusst wird, dass irgendetwas (in einem selbst) kaputt gegangen ist. Dass sich etwas verändert hat, dass es nicht mehr richtig läuft.
Wenn man nicht dagegen ankommt, arrangiert man sich wohl damit, denn es muss da irgendwie gehen. Man stellt sich die Fragen, die das über lange Zeit hin aufgebaute Gerüst zum Einsturz bringen könnten, nicht mehr. Denn man braucht dieses Konstrukt, andernfalls bricht einfach alles zusammen. Und man hat Vater Staat (ich finde das Bild der Eltern sehr passend) gegenüber ja einen Eid abgelegt.
Man muss also weitermachen, bis man zu einer definitiven Lösung bekommt, sich bewusst entscheidet. Sollte man sich während dieser Phase der Entscheidungsfindung einen Moment des Zweifels erlauben? In einem Kriegsgebiet? Wohl eher nicht.

Heike Groos traf ihre Entscheidung, die Bundeswehr zu verlassen, 2007 in Kundus, als es ihr nicht gelang, einen schwer verletzten Soldaten zu retten. Sie „wollte nicht mehr mit ansehen, wie unschuldige Menschen sinnlos starben“.
Diesen September ist im Krüger Verlag ihr Buch „Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan“ erschienen.

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